Nausicaa

Birgit Kohler

Nausicaa (Agnès Varda, F 1970, 90 min, couleur) :

Synopsis: Histoire d’amour entre une étudiante française et un intellectuel grec. Rencontre, conversation, première nuit d’amour pour elle, nuit unique pour les deux. Tout le long du récit, des parenthèses sous forme de témoignages, d’interviews, de confidences d’intellectuels et d’artistes résidant à Paris ou de réfugiés politiques récents authentifient la fiction et lui fournissent son contexte historique. (aus: Varda par Agnès)

NAUSICAA figuriert in der Filmografie von Agnès Varda zwar ganz selbstverständlich zwischen LIONS LOVE (1969) und DAGUERRÉOTYPES (1974/75) – doch der Film wurde nie aufgeführt und ist seit 40 Jahren unsichtbar. Nur eine einzige, kurze Szene wurde jüngst veröffentlicht, in LES PLAGES D’AGNÈS (2008) von Varda mit einer bewussten Geste in ihr künstlerisches Lebenswerk integriert: der blutjunge Gérard Depardieu als bärtiger Hippie mit Hut, im Wortgefecht mit einer Studentin, der er einen Kunstband geklaut hat. Ein Ausschnitt, dem die politische Kontroverse um den Film nicht anzusehen ist. Und der Lust auf mehr macht.

NAUSICAA wurde im Jahr 1970 im Auftrag des französischen Fernsehens ORTF gedreht. Das Drehbuch dieser „fiction documentaire“ basiert auf Gesprächen mit in Frankreich lebenden Exil-Griechen, die Musik stammt von Mikis Theodorakis. Aufgrund der Kritik am griechischen Obristen-Regime (unter anderem durch die Aussagen von Folteropfern) intervenierten das französische Außen- und Wirtschaftsministerium zum Wohle der Handelsbeziehungen mit Griechenland und verhinderten die Ausstrahlung des Films. Seitdem ist NAUSICAA eine Leerstelle, die man in Kenntnis des Œuvres von Varda und anhand spärlicher Informationen notdürftig zu füllen sucht. Der Titel verweist auf die griechische Mythologie – doch eine Verbindung von Nausicaa, dem jungen Mädchen, das den schiffsbrüchigen Odysseus nackt am Strand findet, zu Vardas Film ULYSSES (1982) ist wohl eher unwahrscheinlich. Autobiografische Elemente sind hingegen offensichtlich, denn die Hauptperson heißt Agnès, studiert an der École du Louvre und hat einen griechischen Vater. Womöglich pflegt Varda in NAUSICAA ja einen ähnlich selbstironischen und anti-nostalgischen Umgang mit ihrer Herkunft wie in ONCLE YANCO (1967) und in LES PLAGES D’AGNÈS (2008)? Dass der Film sich kritisch mit der Militärdiktatur in Griechenland auseinandersetzt, kann man sich angesichts von Vardas politischer Positionierung in SALUT LES CUBAINS (1963), BLACK PANTHERS (1968) und in ihren feministischen Filmen wie L’UNE CHANTE L’AUTRE PAS (1976) vorstellen. Ein politisches Pamphlet ist aber sicherlich auch NAUSICAA nicht, sondern wie all ihre Filme eine kreative Verbindung von Dokumentarischem und Fiktivem – à la Varda: subjektiv, humorvoll und unerschrocken. Schließlich ist das Untergraben der Polarität von Inszenierung und Wirklichkeit ein grundlegendes Prinzip ihrer Arbeit. Aufgrund des künstlerischen Eigensinns von Agnès Varda wäre es aber auch nicht weiter verwunderlich, wenn NAUSICAA ungeahnte Überraschungen bereithielte. Wenn man sich davon doch bloß überzeugen könnte!